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Deutsche Mythen
Uta, Hermann & der deutsche Wald
›Deutsche Mythen‹ und ihre politische Deutung
Der amerikanische Unabhängigkeitskrieg und die Französische Revolution lenken Ende des 18. Jahrhunderts in Europa zunehmend den Blick auf nationalistische Ideen. Mit Herausbildung der europäischen Nationen im Laufe des 19. Jahrhunderts wächst das Interesse an identitätsstiftenden Bildern, welche aus den jungen Staatengebilden vermeintliche Traditionsgemeinschaften machen und sie mit ›Historie‹ ausstatten.
Nicht nur in Deutschland wird inbesondere das Mittelalter für diesen erwachenden Nationalismus in Dienst genommen. Exemplarisches Beispiel sind die Opern Richard Wagners, in denen durchaus unterschiedliche Mittelalterbilder präsentiert werden: »Da ist das mythische Mittelalter ebenso wie das märchenhafte, das atmosphärische ebenso wie das christliche Mittelalter. Diese verschiedenen Bilder vom Mittelalter scheinen jedoch einen Fluchtpunkt zu haben: das Mittelalter als Ort eines in die Vergangenheit projizierten, auch national geprägten Utopias.« [Mertens / Stange]
Bevölkert ist dieses Utopia mit vielen anderen bekannten Figuren ›längst vergangener Zeiten‹: Uta, die schöne kühle Stifterin, deren Figur seit dem 13. Jh. den Chor des Naumburger Domes schmückt, wurde von den Nationalsozialisten zum Inbegriff der ›deutschen Frau‹ erhoben. – In Widukind und Heinrich dem Löwen sahen sie »Vordenker der deutschen Art«. – In Friedrich Barbarossa entdeckt man bereits im 19. Jh. den großen »Einiger des Reiches« und obwohl man dieses höchst positive Stauferbild zwischen den Weltkriegen behutsam zu relativieren bemüht war, wird Barbarossa ab Anfang der 40er Jahre von den Nazis als wegweisenden Staatsmann verehrt. – Dagegen passt Karl der Große mit dem unrühmlichen Beinamen ›der Sachsenschlächter‹ zunächst nicht ins Bild der Nazis, wird dann jedoch ab Mitte der 30er Jahre als Reichseiner gepriesen. …
Im Zuge des Seminars werden wir jedoch nicht nur die Rezeption historischer Personen in den Blickwinkel nehmen: Siegfried und die Loreley werden uns ebenso beschäftigen wie ›der deutsche Wald‹ – diese »Sehnsuchtslandschaft«, die mal für die Schlachten Hermann des Cheruskers, mal für die Wandervogelbewegung als Kulisse herhalten muss.
Termine Frühjahr 2012:
1. Do., 01.03. / 10.00h
2. Do., 29.03. / 10.00h
3. Do., 26.04. / 10.00h
4. Do., 24.05. / 10.00h
Gabriele Fischer / November 2011